GLITSCH

Glitsch ist ein Fehler in einem Computergame, wenn Risse und Verzerrungen in der Spielwirklichkeit auftauchen. Auch auf dem Kreuzfahrtschiff, auf dem Léon und seine Freundin Kathrin einchecken, um auf der mittlerweile eisfreien Nordostpassage nach Tokyo zu gelangen, stimmt etwas nicht. Die Freundin verschwindet kurz nach der Abfahrt, Léon steht nicht auf der Passagierliste und existiert quasi nicht mehr. Mit bösem Witz und Ironie erzählt Schwarz vor dem Hintergrund des Klimakatastrophentourismus von einer Gesellschaft, die sich den Tatsachen verweigert, und einem, der aus der Welt fällt.

 

DER GRAUE PETER

Auch nach etlichen Schicksalsschlägen lebt Peter sein Leben weiter wie bisher. Ihm fehlt das «Empfindungschromosom». Als ihm auf einer Bahnfahrt eine verzweifelte Mutter ihren Sohn Zéphyr anvertraut, um ihn nach Basel zu bringen, entwickelt sich zwischen den beiden eine holprige und doch zarte Beziehung. Mit frischem Blick und feinem Humor macht Zschokke diesen alternden Mann aus dem Schweizer Mittelstand zu einem ganz und gar aussergewöhnlichen Protagonisten, dem man gerne durch alle Unwägbarkeiten folgt.

 

SICH LICHTENDE NEBEL

Ein Mann taucht im Lichtkegel einer Laterne auf, verschwindet wieder im Dunkel und erscheint erneut im Licht der nächsten Laterne. Diese Beobachtung und die Frage, wo er in der Zwischenzeit gewesen ist, regte Werner Heisenberg zur Entwicklung seiner revolutionären Quantenmechanik an, die unser Weltbild veränderte. Der Mann unter der Laterne, der gerade den Verlust seiner Frau verarbeiten muss, weiss nichts davon. Christian Haller erzählt die eigentlich unverbundenen Leben der beiden Männer weiter und öffnet damit einen Raum für grosse Fragen: Wie verlässlich ist unsere Wahrnehmung? Was können wir erkennen? Und wie beschreibt man Unbeschreibliches?

 

MR. GOEBBELS JAZZ BAND

Erzählt wird die unglaubliche (fast bis ins Detail wahre) Geschichte von Mr. Goebbels Jazz Band. Für den Auslandsradiosender Germany Calling lässt Hitlers Propagandaminister eine Big Band gründen, in der auch Juden und Homosexuelle im Dienst der NS-Ideologieum um ihr Überleben spielen. Und mittendrin ein Schweizer Schriftsteller, der einen Roman über die Band schreiben soll. Lienhard macht daraus ein temporeiches Spiel mit wechselnden Perspektiven und Wendungen und tiefen Einblicken in die perfiden Mechanismen der Propagandamaschinerie.

 

BILD OHNE MÄDCHEN

Ein Mädchen, das kaum spricht und das Bett nässt. Ein Nachbar, bei dem es Fernsehen schauen darf, so lange es will, während die Eltern mit anderem beschäftigt sind. Und ein Engel, den das Mädchen auf einer Videokassette entdeckt und der zu ihm hält. Mit kraftvoller Sprache und surrealen Visionen erzählt die Autorin die Geschichte einer Familie, von Trauma und Sprachlosigkeit und von dem, das niemand sehen will.

 

STEINE ZÄHLEN

Ein nordisches Drama entfaltet sich um Matti, der allein, nur mit Hund, Gewehr und Schnapsflasche, in seiner Bauernkate in Südfinnland zurückbleibt; um Märta, seine Frau, die ihn nach vierzig Jahren verlassen hat, und um Olli, den Sohn, der seinen Platz im Leben nicht gefunden hat und immer in Geldnöten steckt. Eines Tages findet der lokale Polizeibeamte Matti vor dem Haus in einer Blutlache liegend. Der Text, der alle Ingredienzien eines guten Krimis hat, entwickelt sich zu einem tiefgründigen Roman um Lebenslügen und Verstrickungen.
Laudatio von Annette König

 

DER ROTE DIAMANT

1963 kommt der elfjährige Arthur Goldau in ein Klosterinternat, in dem die Zeit stillzustehen scheint. Die Fratres führen ein strenges Regiment, es wird gelernt, was schon Generationen vorher gelernt haben, die österreichische Ex-Kaiserin Zita kommt gelegentlich zu Besuch, und es soll sich sogar ein sagenumwobener Diamant aus der Habsburger Krone im Kloster befinden. Doch die Jugendlichen sehen den gesellschaftlichen Umbruch schon am Horizont. Mit der Mischung aus spannendem Internatsroman, philosophischem Kloster-Krimi und ironischem Abgesang auf eine vergangene Zeit zündet Hürlimann ein grandioses Erzählfeuerwerk.
Laudatio von Martina Läubli

 

BLUTBUCH

Aufgewachsen in einem schäbigen Schweizer Vorort, ist die Erzählfigur von «Blutbuch» den engen Strukturen der Herkunft entkommen, lebt in Zürich und fühlt sich im nonbinären Körper wohl. Doch dann erkrankt die Grossmutter an Demenz, und das Ich beginnt, sich mit der Vergangenheit und den bruchstückhaften Erinnerungen an die eigene Kindheit auseinanderzusetzen. Der Text lässt Erzählkonventionen hinter sich und erzählt auf verblüffend eigenwillige Art eine Familiengeschichte vor dem Hintergrund der aktuellen Gender- und Klassendebatten.
Laudatio von Sieglinde Geisel

 

POMMFRITZ AUS DER HÖLLE

Aus dem Gefängnis heraus schreibt Fritz 23 Briefe über seine Kindheit. Er schreibt an den «Vatter», den er als Kind nur einmal zu Gesicht bekommen hat, er schreibt über die Spezialschule, die Sozialarbeiterin vom Amt und die rettende Begegnung mit der Literatur Rimbauds. Vor allem aber schreibt er über die Mutter, die ständig ass, ihn ans Tischbein band und schlug – und die er schliesslich umgebracht hat. Wie es dazu kam, wird furios erzählt, mit einem Sog, dem man sich kaum entziehen kann.
Laudatio Yeboaa Ofosu

 

DÜRRST

Simon Froehlings zweiter Roman führt uns nach Athen, Kairo, Berlin und Zürich und öffnet den Blick in die Lebensrealität eines homosexuellen Mannes, der zwischen Dating- und Künstlerszene seinen Weg sucht und immer wieder mit den Abgründen seiner bipolaren Erkrankung konfrontiert ist. Konsequent in der zweiten Person erzählt, hält das Buch Leser:innen auf Distanz und geht doch unter die Haut. So schonungslos die Schilderungen sind, so kunstvoll verbinden sich die Zeitebenen zu einer Lektüre von ungewöhnlicher Intensität.
Laudatio von Tanja Bhend

 

DIE ERFINDUNG DES UNGEHORSAM

Drei Frauen und die Frage nach künstlicher Intelligenz stehen im Zentrum des zweiten Romans von Martina Clavadetscher. Iris, die in Manhattan durch ihr Penthouse tigert und voller Ungeduld auf die nächste Dinnerparty wartet. Ling, angestellt in einer Sexpuppenfabrik im Südosten Chinas, die künstliche Frauenkörper auf Herstellungsfehler kontrolliert. Und Ada Lovelace im alten Europa, Pionierin der Programmiersprache, die von neuartigen Maschinen träumt. Sie alle sind auf der Suche nach dem Kern der Dinge. Ein Roman, der durch seine thematische Aktualität und sprachliche Kraft besticht.

Laudatio von Daniel Graf

 

WAS DER FALL IST

Ein Sachbearbeiter einer Stiftung erscheint nach Mitternacht auf einem Polizeiposten und erzählt, wie sein Leben aus den Fugen geraten ist. Nicht nur wird er finanzieller Unregelmässigkeiten verdächtigt, er lässt auch eine illegal arbeitende Frau im Büro wohnen, die ihrerseits zu erzählen beginnt. In seinem Debütroman «Was der Fall ist» entfacht Thomas Duarte ein funkelndes Erzählfeuerwerk und entlarvt dabei mit Ironie und Witz die Absurdität der Lebens- und Arbeitsbedingungen in unserer kapitalistischen Konsumgesellschaft.

 

 

FEUERLAND

Zwei historische Figuren und ein einzigartiges Buch bilden den Ausgangspunkt für den Roman. Thomas Bridges, der Ziehsohn eines englischen Missionars, wächst Mitte des 19. Jahrhunderts in Südamerika unter den Kindern der Yamana auf. Fasziniert von der reichen Sprache, beginnt er obsessiv, ein Wörterbuch anzulegen, das später in die Hände des deutschen Völkerkundlers Ferdinand Hestermann gerät. Als die Nationalsozialisten in den 1930er Jahren beginnen, Bibliotheken zu plündern, versucht er unter allen Umständen, das Buch in Sicherheit zu bringen. Eine subtil erzählte Geschichte, die ohne Helden auskommt und den Bogen von den kolonialen zu den nazistischen Verheerungen schlägt.

 

 

GRÖSSER ALS DU

Sie heissen Gloria, Helen oder Gino. Sie leben mit einem Geheimnis, weil Scham oder Verleugnung sie daran hindern, über das zu sprechen, was hinter ihren Wohnungstüren passiert. Zeitlich aufgespannt zwischen den grossen Schweizer Frauenstreiks 1991 und 2019 versammelt «Grösser als du» 15 lose verbundene Erzählungen über Beziehungen und über den Moment, wenn Liebe in Gewalt kippt. Durch dichte Sprache, präzise Schnitte und überraschende Wendungen gelingt es der Autorin, die Geschichten der Frauen zum Leuchten zu bringen.

 

 

Von schlechten Eltern

Nacht für Nacht fährt der Erzähler ausländische Diplomat*innen und Geschäftsleute durch die Schweiz. Während der Fahrten und Gespräche lösen sich die Grenzen zwischen der äusseren Welt und der Innenwelt des Erzählers, die erfüllt ist von der Trauer um seine verstorbene Frau, langsam auf. Mit seinen Söhnen sucht er einen Weg zurück ins Leben. Ein Buch von überraschender Emotionalität.

 

Der Halbbart

Mit dem «Halbbart», dem sonderbaren Fremden, der nur ein halbes Gesicht hat, und Sebi aus der Talschaft Schwyz, der für die Feldarbeit nicht taugt, aber gerne Geschichten erfindet, führt uns das Buch in die ereignisreiche Welt des 14. Jahrhunderts mit ihren Abenteuern und Verwerfungen und erzählt gleichzeitig von ewigen Themen wie Ausgrenzung und Fremdsein.

 

Der Held

Zwei Offiziere werden 2005 als Kriegsverbrecher vom Internationalen Tribunal in Den Haag angeklagt. Sie haben im Bürgerkrieg auf verschiedenen Seiten gekämpft, jetzt freunden sie sich an. Statt vermeintlich klarer Fronten gibt es immer mehr Fragen danach, wie man unter extremen Umständen richtig handelt, nach Schuld und Gerechtigkeit.

 

das alles hier, jetzt.

Was macht Verbundenheit aus? Wie funktioniert Erinnerung? Anna Stern erzählt von Familie und Wahlverwandtschaften, einer Gruppe von Freund*innen und dem Verlust einer geliebten Person. Um die drängende Erinnerung der Ich-Erzählerin an die tote Freundin in Sprache zu fassen, geht die Autorin formal ganz eigene Wege.

 

Aus der Zuckerfabrik

Ein Schweizer Lottomillionär in der Karibik, Träume, Atlantiküberquerungen und Anfälle von Wahnsinn: In Dorothee Elmigers Buch entstehen überraschende Zusammenhänge. Die Autorin folgt den Spuren des Geldes und des Zuckers, des Kolonialismus und des Begehrens. Entstanden ist ein faszinierendes Kaleidoskop, in dem die Komplexität der heutigen Welt aufscheint.

 

Die Nachkommende

Es ist Hochsommer und wie jedes Jahr sitzt die junge Frau im Zug Richtung Kroatien. Auf der Reise zur Grossmutterinsel, wo ihre Familie bereits auf sie wartet, begleiten sie Erinnerungen an den toten Grossvater, an die Auswanderung der Eltern kurz vor dem Krieg. Und sie denkt an ihren Geliebten in Paris, den sie nicht haben und von dem sie nicht lassen kann. Eine vielschichtige Spurensuche durch das heutige Europa.

Laudatio für Ivna Žic

 

Unhaltbare Zustände

Die Schaufenster des Dekorateurs Stettler sind legendär. Über viele Jahre pilgern die Leute zum Warenhaus «Quatre Saisons», um sie zu sehen. Dann beginnt Stettlers Welt zu bröckeln: Die jungen Leute tragen Bluejeans, am Münster hängt eine Vietcong-Fahne, und mit knapp 60 Jahren wird ihm überraschend ein junger Kollege zur Seite gestellt. So sehr sich Stettler gegen den Wandel auflehnt – sein Leben gerät ins Wanken.

Laudatio für Alain Claude Sulzer

 

Balg

Es mutet idyllisch an. Antonia und Chris ziehen aufs Dorf und bekommen ein Kind. Doch das Paar ist überfordert, die Beziehung geht in die Brüche. Der kleine Timon bleibt bei Antonia – und wird zum Problemkind. Einzig der ehemalige Lehrer Valentin, der sich im Dorf zugleich eingeengt und ausgeschlossen fühlt, findet Zugang zu dem Jungen. Aber Ungesagtes aus der Vergangenheit lastet auf der Annäherung.

Laudatio für Tabea Steiner

 

Der Sprung

Als Kind lernte Manu alle Pflanzennamen, weil es leichter ist, allein zu sein, wenn man die Natur kennt. Jetzt steht sie in Gärtnerkleidern auf dem Dach eines Hochhauses und wirft Dachziegel hinunter. Es scheint fast so, als ob sie springen möchte; das Gebäude wird abgeriegelt und von Medienschaffenden umlagert. Und zehn Menschen, die auf irgendeine Weise mit dem Schicksal der jungen Frau verbunden sind, verlieren plötzlich den Boden unter den Füssen.

Laudatio für Simone Lappert

 

GRM. BRAINFUCK

Vier Kinder in einer heruntergekommenen Stadt in Grossbritannien. Der Brexit ist vollzogen, die Monarchie abgeschafft. Der Staat setzt auf die totale Überwachung. In Beziehungen dominieren Gewalt und Sex. Die vier flüchten sich in Grime, eine Form von Rap, und starten ihre eigene Revolution. Ein gnadenloser Blick auf eine Welt, die vielleicht schon bald die unsere sein könnte.

Laudatio für Sibylle Berg

 

Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt

Wie wäre es, das eigene Leben nochmals leben zu können? Wie viel Freiheit haben wir, das eigene Leben zu gestalten? Peter Stamm erzählt in seinem neuen Roman von Christoph, der in Stockholm auf die viel jüngere Lena trifft. Sie sieht der Frau gespenstisch ähnlich, die er vor zwanzig Jahren geliebt hat. Er kennt das Leben, das Lena führt, und weiss, was ihr bevorsteht. So beginnt ein Spiel der Vergangenheit mit der Gegenwart, aus dem keiner unbeschadet herausgehen wird.