Der Halbbart

Mit dem «Halbbart», dem sonderbaren Fremden, der nur ein halbes Gesicht hat, und Sebi aus der Talschaft Schwyz, der für die Feldarbeit nicht taugt, aber gerne Geschichten erfindet, führt uns das Buch in die ereignisreiche Welt des 14. Jahrhunderts mit ihren Abenteuern und Verwerfungen und erzählt gleichzeitig von ewigen Themen wie Ausgrenzung und Fremdsein.

 

Der Held

Zwei Offiziere werden 2005 als Kriegsverbrecher vom Internationalen Tribunal in Den Haag angeklagt. Sie haben im Bürgerkrieg auf verschiedenen Seiten gekämpft, jetzt freunden sie sich an. Statt vermeintlich klarer Fronten gibt es immer mehr Fragen danach, wie man unter extremen Umständen richtig handelt, nach Schuld und Gerechtigkeit.

 

das alles hier, jetzt.

Was macht Verbundenheit aus? Wie funktioniert Erinnerung? Anna Stern erzählt von Familie und Wahlverwandtschaften, einer Gruppe von Freund*innen und dem Verlust einer geliebten Person. Um die drängende Erinnerung der Ich-Erzählerin an die tote Freundin in Sprache zu fassen, geht die Autorin formal ganz eigene Wege.

 

Aus der Zuckerfabrik

Ein Schweizer Lottomillionär in der Karibik, Träume, Atlantiküberquerungen und Anfälle von Wahnsinn: In Dorothee Elmigers Buch entstehen überraschende Zusammenhänge. Die Autorin folgt den Spuren des Geldes und des Zuckers, des Kolonialismus und des Begehrens. Entstanden ist ein faszinierendes Kaleidoskop, in dem die Komplexität der heutigen Welt aufscheint.

 

Die Nachkommende

Es ist Hochsommer und wie jedes Jahr sitzt die junge Frau im Zug Richtung Kroatien. Auf der Reise zur Grossmutterinsel, wo ihre Familie bereits auf sie wartet, begleiten sie Erinnerungen an den toten Grossvater, an die Auswanderung der Eltern kurz vor dem Krieg. Und sie denkt an ihren Geliebten in Paris, den sie nicht haben und von dem sie nicht lassen kann. Eine vielschichtige Spurensuche durch das heutige Europa.

Laudatio für Ivna Žic

 

Unhaltbare Zustände

Die Schaufenster des Dekorateurs Stettler sind legendär. Über viele Jahre pilgern die Leute zum Warenhaus «Quatre Saisons», um sie zu sehen. Dann beginnt Stettlers Welt zu bröckeln: Die jungen Leute tragen Bluejeans, am Münster hängt eine Vietcong-Fahne, und mit knapp 60 Jahren wird ihm überraschend ein junger Kollege zur Seite gestellt. So sehr sich Stettler gegen den Wandel auflehnt – sein Leben gerät ins Wanken.

Laudatio für Alain Claude Sulzer

 

Balg

Es mutet idyllisch an. Antonia und Chris ziehen aufs Dorf und bekommen ein Kind. Doch das Paar ist überfordert, die Beziehung geht in die Brüche. Der kleine Timon bleibt bei Antonia – und wird zum Problemkind. Einzig der ehemalige Lehrer Valentin, der sich im Dorf zugleich eingeengt und ausgeschlossen fühlt, findet Zugang zu dem Jungen. Aber Ungesagtes aus der Vergangenheit lastet auf der Annäherung.

Laudatio für Tabea Steiner

 

Der Sprung

Als Kind lernte Manu alle Pflanzennamen, weil es leichter ist, allein zu sein, wenn man die Natur kennt. Jetzt steht sie in Gärtnerkleidern auf dem Dach eines Hochhauses und wirft Dachziegel hinunter. Es scheint fast so, als ob sie springen möchte; das Gebäude wird abgeriegelt und von Medienschaffenden umlagert. Und zehn Menschen, die auf irgendeine Weise mit dem Schicksal der jungen Frau verbunden sind, verlieren plötzlich den Boden unter den Füssen.

Laudatio für Simone Lappert

 

GRM. BRAINFUCK

Vier Kinder in einer heruntergekommenen Stadt in Grossbritannien. Der Brexit ist vollzogen, die Monarchie abgeschafft. Der Staat setzt auf die totale Überwachung. In Beziehungen dominieren Gewalt und Sex. Die vier flüchten sich in Grime, eine Form von Rap, und starten ihre eigene Revolution. Ein gnadenloser Blick auf eine Welt, die vielleicht schon bald die unsere sein könnte.

Laudatio für Sibylle Berg

 

Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt

Wie wäre es, das eigene Leben nochmals leben zu können? Wie viel Freiheit haben wir, das eigene Leben zu gestalten? Peter Stamm erzählt in seinem neuen Roman von Christoph, der in Stockholm auf die viel jüngere Lena trifft. Sie sieht der Frau gespenstisch ähnlich, die er vor zwanzig Jahren geliebt hat. Er kennt das Leben, das Lena führt, und weiss, was ihr bevorsteht. So beginnt ein Spiel der Vergangenheit mit der Gegenwart, aus dem keiner unbeschadet herausgehen wird.

 

Die Hochhausspringerin

In ihrem Debüt inszeniert Julia von Lucadou einen packenden Drahtseilakt zwischen totalitärer Überwachung und Freiheitsdrang. Riva, die Protagonistin, ist eine Vorzeigeathletin einer neuen Welt und Millionen halten den Atem an, wenn sie zum Sprung ansetzt. Dann hört Riva von einem Tag auf den anderen auf und verweigert den jubelnden Massen ihre Präsenz. Hier kommt Hitomi ins Spiel. Die Wirtschaftspsychologin überwacht Riva und soll sie gefügig machen. Wenn es ihr nicht gelingt, stürzen beide ab.

 

Die Überwindung der Schwerkraft

Die Beziehung zweier Brüder steht im Zentrum des dritten Romans von Heinz Helle. Virtuos verknüpft der Autor eine Spurensuche mit den grossen Fragen des Lebens. Eine Nacht lang ziehen die Brüder von Kneipe zu Kneipe. Vor allem der Ältere trinkt an gegen das Elend der Welt, die von Krieg und Gewalt bestimmt ist. Aber er erzählt seinem Bruder auch vom baldigen Vaterglück. Was beide nicht wissen: Es wird danach kein Wiedersehen geben. Neun Monate später ist der ältere Bruder tot.

 

Hier ist noch alles möglich

Eine junge Frau wird als Nachtwächterin in einer Verpackungsfabrik engagiert. Ein Wolf soll in das Gelände eingedrungen sein. Abend für Abend macht sie ihren Rundgang, kontrolliert die Zäune. Mit der Fabrik, die von der Schliessung steht, und dem wenigen verbleibenden Personal schafft Gianna Molinari eine faszinierend-verstörende Welt, in der der Wolf zum Phantom wird und die Frage, was uns bedroht und welche Grenzen wir ziehen, immer mitschwingt.

 

Das Eidechsenkind

Offiziell darf es das Kind nicht geben. Im «Gastland» muss es sich verstecken: unter der Kredenz, im Schrank, in der Abstellkammer, während der Vater auf dem Bau und die Mutter in der Fabrik arbeitet. Im italienischen Ripa hingegen, bei der Nonna Assunta, rennt und spielt der Junge wie alle Kinder. Aus der Sicht eines Kindes erzählt Vincenzo Todisco von einer Saisonier-Familie der 60er Jahre und von einem klandestinen Schicksal mitten in der Schweiz.

 

Halt auf Verlangen. Ein Fahrtenbuch.

«Siebzehn Stationen von Kronenstrasse bis Balgrist, laut Fahrplan siebenundzwanzig Minuten Fahrt» – auf dem täglichen Weg in die Klinik versucht Urs Faes aufzuschreiben, was ihm geschieht: die Müdigkeit nach der Bestrahlung, die Erinnerung an seine Kindheit, die Angst. «Halt auf Verlangen» ist das bisher wohl intimste Buch von Urs Faes, eine fragmentarische Autobiografie in der gewohnt dichten, poetischen Sprache, ein eindringlicher Krankheitsbericht und eine Hommage an das Schreiben.

 

Knochenlieder

«Knochenlieder» erzählt die Geschichte von vier Aussteigerfamilien: zunächst von deren Leben in einer kommunenartigen, abgeschotteten Siedlung mit eigenen Regeln und vielen Geheimnissen, danach – rund 20 Jahre später – in einer Stadt mit totaler Überwachung und Stacheldraht-Zäunen. Martina Clavadetscher beschreibt mal mit Märchenmotiven, mal mit Hacker- Vokabular eine Welt im Ausnahmezustand. In einer knappen, bildstarken Sprache skizziert sie einen beklemmenden und überraschend aktuellen Gesellschaftsentwurf.

 

Das kürzere Leben des Klaus Halm

Ein arbeitsloser Filmvorführer verlässt seine Wohnung in Basel nur noch selten. Eines Tages fällt ihm im Tram ein Mann ins Auge, den er verfolgt und minutiös beobachtet: Klaus Halm. Dieser wirkt wie sein exaktes Gegenbild und hat scheinbar alles, was dem Erzähler fehlt: Frau und Kind, Erfolg und Anerkennung. Überraschend und gekonnt verschränkt Lukas Holliger die beiden Leben miteinander. Und am Ende ist sich nicht nur der grenzenlos zynische Ich-Erzähler unsicher, wer hier eigentlich wessen Leben lebt.

 

Immer ist alles schön

Die Mutter sagt, das Leben sei eine Wucht, und dass sie gerne noch ein Glas Wein hätte, denn es sei nicht einfach, so ein Leben zu leben. Sie braucht den Alkohol, um ihre Traurigkeit zu betäuben. Ihre Kinder Anais und Bruno versuchen, sich und die Mutter vor der Aussenwelt zu schützen. Einmal gesteht die Mutter: «Ich kann nicht mehr.» Und Anais erwidert: «Ich kann noch viel mehr nicht mehr.» Mit grosser Sogkraft lässt Julia Weber die 14-Jährige in einer unverstellten Sprache fröhlich-traurig aus dem Alltag zweier vernachlässigter Kinder erzählen, die sich gegen ihr Unglück auflehnen

 

Kraft

Richard Kraft, ein neoliberaler Rhetorikprofessor in Tübingen, ist unglücklich verheiratet und finanziell gebeutelt. Die wissenschaftliche Preisfrage eines Silicon Valley-Milliardärs, weshalb alles, was ist, gut ist und wir es dennoch verbessern können, scheint der Ausweg aus seiner Misere zu sein. Jonas Lüscher erzählt klug, komisch und mit einer erfrischenden Bösartigkeit nicht nur von einem Mann, der vor den Trümmern seines Lebens steht und versucht, sich mit dem Preisgeld von einer Million Dollar freizukaufen, sondern auch von den grossen ideologischen Auseinandersetzungen unserer Zeit.

 

Und was hat das mit mir zu tun

Seine Grosstante gab wenige Wochen vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges ein rauschendes Fest, in dessen Verlauf 180 Juden erschossen wurden. Batthyany fängt an zu fragen, wie die Geschichte seiner Familie sein scheinbar so selbstbestimmtes Leben beeinflusst, auch über Generationen hinweg. Seine Suche nach Antworten führt ihn nach Ungarn, Österreich, Deutschland, Argentinien und Sibirien sowie auf die Couch eines Psychoanalytikers. Eine ungewöhnliche Familiengeschichte und ein Panorama Mitteleuropas, das nur vermeintlich verschwunden ist.

Laudatio von Susanna Petrin

 

Muster aus Hans

Hans ist eine jener Gestalten, die auf Biegen und Brechen nicht in die geschäftige Welt der gewöhnlichen Menschen passen. Schon im Titel klingt der Tonfall des Buches an, der das wunderbare Paradoxon schafft, gänzlich nüchtern und gleichzeitig poetisch verfremdend zu sein. Wie der Titel changiert dieses Buch zwischen Wirklichkeit und Märchen – denn gerade das ist es am Ende, wenn der wilde Mann zum König wird, doch.

Laudatio von Hans Ulrich Probst

 

Mehr Meer

«Erinnerungspassagen» ist der Untertitel des Buches, das in vielen kurzen Kapiteln vom Werdegang des kleinen, auf die Welt neugierigen Mädchens zur europäischen Intellektuellen erzählt. Als Tochter eines slowenischen Vaters und einer ungarischen Mutter verbringt sie ihre Kindheit in einem Mitteleuropa, das nach dem Zweiten Weltkrieg gerade seine politischen und kulturellen Konturen neu eingeschrieben bekommt.

Laudatio von Martin Ebel

 

Depeschen nach Mailland

Ein Stück Stegreifliteratur mit einem mitreissenden improvisatorischen Drive. Ausgehend von einem Gespräch über Jazz entwickelt sich ein reger E-Mail-Diskurs, zunächst über Musik, der sukzessive zu einer laufenden Mitschrift des Alltags wird. Das neue Buch des Sprachkünstlers Laederach bietet vokabularischer Brillanz und eröffnet neue Blicke auf das, was wir, bevor man ihn las, «Wirklichkeit» nannte.

Laudatio von Manfred Papst

 

Flughafenfische

In der Ortlosigkeit eines Flughafens kreuzen sich die Lebenslinien dreier Menschen. Eine müde Magazinfotografin wird vor dem Riffaquarium der Transithalle von einem Schwindel aus Reisebildern und Erinnerungen erfasst. Sie findet eine seltsame Nähe zu dem Mann, der hier die stillen Tiere pflegt wie seine Kinder. Während sich zwischen den beiden eine verschwiegene Liebe entwickelt, geht nebenan im Raucherfoyer eine Ehe zu Ende.

Laudatio von Sandra Leis

 

Herr Adamson

Ein Mann mit demselben Geburtstag wie der Autor Urs Widmer sitzt am 21. Mai 2032, seinem letzten Lebenstag und einen Tag nach seinem vierundneunzigsten Geburtstag, in einem üppig blühenden Garten – es ist der Paradiesgarten seiner Kindheit – und bespricht mit Herrn Adamson ein Tonband. Eine Geschichte über das Leben und den Tod, die in aller Untröstlichkeit doch nie trostlos gerät.

Laudatio von Martin Zingg